Dieses Fahrzeug haben wir in Zusammenarbeit mit ATventure vorgestellt.
Der ATventure 870 ist ein Alkoven-Wohnmobil auf dem Iveco Daily mit Bad direkt hinter dem Fahrerhaus. Das gezeigte Fahrzeug ist das erste Kundenfahrzeug von ATventure und vereint 82 Sonderwünsche. Die Küche fährt in diesem Fahrzeug per Slide-out 60 Zentimeter nach außen. Daniel Tigges hat den Bau geleitet und uns das Fahrzeug im Mai 2025 in Schmallenberg vorgestellt. Der Grundpreis liegt bei 329.500 Euro. Das gezeigte Fahrzeug kostet rund 380.000 Euro.
Hinter ATventure aus dem sauerländischen Schmallenberg steht die Familie Tigges, die mit AT-Boretec seit vielen Jahren Fahrzeuge und Geräte für die Horizontalbohrtechnik baut. Wie aus dieser Erfahrung Wohnmobile wurden, erzählen wir im Artikel zum ATventure 960. Der 870 in diesem Artikel ist das erste Fahrzeug, das ATventure an einen Kunden übergibt. Beim Dreh sind es noch zehn Tage bis zur Übergabe. Im Vorfeld gab es viele Gespräche, vor allem über das Farbkonzept. Nur anhand von Mustern zu entscheiden, wie ein Innenraum am Ende wirkt, ist für jeden Kunden schwierig.
Der Kunde reist mit seiner Frau und die beiden zieht es gern Richtung Spanien. Der Grundriss B passt dazu: Von den drei Varianten des 870 ist er für zwei Personen gedacht. Hinter dem Fahrerhaus liegt das Bad, gegenüber der Einstiegstür die Küche und im Heck die Sitzgruppe. Geschlafen wird im Alkoven über dem Fahrerhaus.
Die größten Änderungen betreffen die Technik. Auf dem Dach liegen 14 Solarmodule mit zusammen 1.980 Watt Spitzenleistung, in der Serie sind es sechs Module mit 1.050 Watt. ATventure hat außerdem zu den zwei Lithiumbatterien der Serie eine dritte eingebaut. Damit sind 600 Amperestunden an Bord. Weil die Lithium-Eisenphosphat-Batterien des 24-Volt-Systems mit 25,6 Volt Nennspannung arbeiten, ergibt das rund 15 Kilowattstunden. Statt des serienmäßigen Wechselrichters mit 5 Kilowatt arbeitet hier einer mit 8 Kilowatt. Der Grund für so viel Leistung steckt in der Küche.
Bei den Fenstern hat sich der Kunde für Sicherheitsfenster und Dachfenster von Hünerkopf entschieden, deren Scheiben aus bruchfestem Makrolon bestehen. Die Fenster wiegen etwas mehr als die Serienfenster und ATventure hat das Gewicht in der Konstruktion eingeplant.
Der Alkoven ist innen 1 Meter hoch statt 90 Zentimeter, gemessen ohne Matratze. Damit können auch große Menschen im Bett aufrecht sitzen. Die höhere Dachlinie zieht sich ohne Stufe vom Alkoven bis zum Heck, so dass das Dach keine Kante bekommt.
Viele weitere Wünsche stecken in den Details: eine Trinkwasseraufbereitung, eine Spülmaschine, eine Waschmaschine, ein Kleiderschrank im Bad und eine Heckgarage, die genau für den Roller des Kunden gebaut wurde. Dazu kommen Kleinigkeiten wie verchromte Radkappen.
Basisfahrzeug ist der Iveco Daily 70C21 mit 152 kW / 207 PS und Achtgang-Automatik. Der Daily bringt ab Werk eine Luftfederung an der Hinterachse mit. Beim 870 ist das besonders nützlich, weil der Aufbau hinter der Hinterachse weit über 2 Meter übersteht. Wer mit so einem langen Überhang auf eine Fähre oder eine steile Rampe hinauffährt, setzt leicht mit dem Heck auf. Per Knopfdruck im Fahrerhaus hebt die Luftfederung das Heck um etwa 10 Zentimeter an. Unter dem Heck bleiben dann rund 35 bis 40 Zentimeter Platz. Daniel rät aus eigener Erfahrung, an der Fährrampe trotzdem jemanden aussteigen und einweisen zu lassen.
An Bord sind ein Abstandsregeltempomat und ein Spurhalteassistent. Das große Infotainmentsystem lässt sich per Alexa-Sprachsteuerung bedienen. ATventure hat außerdem eine 360-Grad-Kamera nachgerüstet, mit der der Fahrer das Fahrzeug auf dem Bildschirm von oben sieht. Diese Ansicht hilft beim Rangieren, gerade wenn man nicht jeden Tag ein 8,70 Meter langes Fahrzeug bewegt. Für die 2,50 Meter Aufbaubreite gibt es große Außenspiegel. Iveco bietet ab Werk eine Wirbelstrombremse an, die zwischen den Teilen der Kardanwelle sitzt und deren Drehung mit einem Magnetfeld bremst. Bergab hält sie das Fahrzeug auf Tempo, ohne dass man ständig auf das Pedal treten muss. Der Kunde hat darauf verzichtet, weil die Bremse 85 Kilogramm wiegt und spürbar mehr kostet.
Ab Werk war das Fahrerhaus weiß. Stoßstange, Kühlergrill und die Zierleisten über den Rädern sind beim Iveco aus schwarzem Kunststoff. ATventure lackiert das Fahrerhaus samt all dieser Teile in der eigenen Lackiererei in einem einheitlichen Grau. Der Farbton ist das Erkennungszeichen der Marke und alle Fahrzeuge von ATventure tragen ihn.
Auf dem Iveco-Rahmen sitzt ein eigener Rahmen von ATventure. Der Hilfsrahmen ist aus Aluminium gebaut und bildet einen doppelten Boden, in dem die selbst gebauten Tanks und die Leitungen liegen. Nur im Heck besteht er aus Stahl, weil dort die Anhängerkupplung sitzt, die für 3 Tonnen Anhängelast ausgelegt ist.
Rundum reihen sich Staufachklappen aneinander und hinter jeder steckt ein Fach. Klappen ohne Fach dahinter, sogenannte Blindklappen, gibt es keine. Zwei Taster im Innenraum geben die Klappen der linken und der rechten Seite getrennt frei. Jede Klappe öffnet dann über einen beleuchteten Knopf, solange die Zündung aus ist. Die Außenhaut der Klappen ist ein GFK-Formteil von einem Zulieferer aus der Region. Innen setzt ATventure ein Aluminiumblech ein, das im Haus „Kuchenblech“ heißt, und schäumt den Zwischenraum zur Dämmung aus. Die Kabel für Schlösser, Sensoren und Taster verlegt ATventure selbst.

Hinter der vordersten Klappe auf der Fahrerseite liegt das Aggregat der Hubstützenanlage von HPC. Die Hydraulikpumpe fährt die Stützen und auch den Slide-out. Bedienen lässt sich alles per App auf dem Handy oder über ein kleines Display im Innenraum. Die Anlage stabilisiert das Fahrzeug wahlweise nur, damit es beim Gehen nicht wackelt, oder stellt es ganz waagerecht. Zwei Stellungen lassen sich als Autolevel speichern, zum Beispiel eine leichte Schräglage, in der die Tanks vollständig leerlaufen. Daneben sitzt eine Trinkwasseraufbereitung, die sich der Kunde gewünscht hat. Das Wasser läuft durch einen Aktivkohlefilter und einen Keramikfilter und wird danach in einer Anlage von Purion mit UV-Licht desinfiziert. So kann der Kunde das Wasser aus dem Tank trinken.
Im nächsten Fach in Richtung Heck sitzt das Herz der Heizung: eine Scheer nano. Die Dieselheizung leistet bis zu 7 Kilowatt und erwärmt Wasser, das durch Leitungen im Fußboden, durch den Handtuchwärmer im Bad und durch Konvektoren fließt. Diese Heizkörper sitzen hinter der Verkleidung und geben warme Luft durch Lüftungsgitter in den Raum. Außerdem bereitet sie das warme Wasser für Dusche und Küche. Daneben pumpt ein Hauswasserwerk von DAB das Wasser durch die Leitungen. Die Pumpe schafft mehr als 50 Liter pro Minute. ATventure drosselt sie auf rund 25 Liter pro Minute bei gut 3 bar, was für ein Wohnmobil bequem reicht. Die Scheer nano liegt bei rund 10.000 Euro. Mit dem Verlegen der Fußbodenheizung kommt das System nach Daniels Schätzung auf etwa 15.000 Euro. Wer weniger ausgeben möchte, bekommt auch eine Luftheizung.
In der Klappe hinter der Heizung ist das Außengerät der Klimaanlage fest unter dem Boden eingebaut. Wie bei einer Splitanlage zu Hause gehören zwei Innengeräte dazu, eines im Wohnbereich und eines im Schlafbereich. So lassen sich beide Bereiche getrennt kühlen. Zusammen sind die Geräte für rund 55 Quadratmeter ausgelegt, also für eine großzügige Wohnung. Daniel hält es da mit dem Grundsatz, lieber Reserve zu haben. Hinter der Hinterachse sind in einer weiteren Klappe zwei Schlauchtrommeln untergebracht: eine mit 15 Metern Wasserschlauch zum Tanken oder zum Abspritzen des Fahrrads und eine mit dem Kabel für den Landstrom.
Am Heck öffnet sich die Garage, die ATventure für den dreirädrigen Roller des Kunden mit 300 Kubikzentimetern gebaut hat. Das Team hat den Roller im CAD-Programm vermessen und die Garage so angepasst, dass er samt Lenker und Windschild hineinpasst. Dafür musste die Garage etwas breiter und etwas höher werden. Zum Festzurren gibt es im Boden Airline-Schienen, also Metallschienen mit einer Lochreihe, in die man Zurrgurte einhakt. Die Garagenklappe öffnet nach oben, weil Firmeninhaber Andreas Tigges das am bequemsten findet. Wer eine seitlich angeschlagene Klappe möchte, bekommt sie ebenfalls.
Über eine weitere Klappe erreicht man Kunststoffboxen auf einem Schwerlastauszug, der bis zu 120 Kilogramm trägt und sich ganz herausziehen lässt. So belädt man die Boxen bequem von außen. Ganz vorn auf der Beifahrerseite liegt die „obligatorische Männerschublade“, wie Daniel sie nennt: eine Kühlbox von Dometic mit 53 Litern auf einem eigenen Auszug, genug für Getränke und das Grillfleisch. Ein letztes Fach bleibt frei für alles, was sonst noch mit soll. Die gesamte Energietechnik mit Batterien und Wechselrichter stammt von Victron. Daniel setzt auf einen einzigen Hersteller, weil sich so alles in einem System verbinden und per App steuern lässt.
Die Einstiegstür auf der Beifahrerseite ist 70 bis 75 Zentimeter breit. Andreas Tigges hatte dafür eine klare Vorgabe: Eine Kiste Bier muss quer hineinpassen. Gleich am Einstieg gibt es unten ein Fach, in das man die Schuhe schiebt, bevor man hineingeht.
Gegenüber der Tür liegt die Küche, die beim Grundriss B in den Slide-out gebaut ist. Fährt der Slide-out auf der Fahrerseite aus, wird der Aufbau auf einer Länge von rund 2,50 Metern um 60 Zentimeter breiter. Das Fahrzeug misst dann 3,10 Meter in der Breite und abzüglich der Wände ist die Küche gut 3 Meter breit. Den Grundriss B gibt es auch ohne Slide-out. Zwischen Slide-out und Außenwand dichtet eine aufblasbare Dichtung den Spalt gegen Wasser ab. ATventure hat den Grundriss so geplant, dass auch bei eingefahrenem Slide-out alles erreichbar ist. Wer auf der Autobahn an einem Rastplatz hält, steht nach einer halben Minute in der Küche oder im Bad, ohne vorher etwas auszufahren.
Der 870 ist komplett gasfrei und die Küche arbeitet mit Strom. Neben dem Induktionskochfeld ist ein Kombigerät von Bosch eingebaut, das Backofen, Grill und Mikrowelle in einem ist. Dazu kommen eine Spülmaschine von Bosch mit 60 Zentimetern Breite und eine tinyWASH, eine kleine Waschmaschine, die auch trocknen kann. Der Kunde wollte möglichst viele dieser Geräte gleichzeitig nutzen. Dafür braucht es den großen Wechselrichter und die großen Batterien. An sonnigen Tagen im Süden liefern die Solarmodule mehr Strom, als an Bord verbraucht wird. Erst wenn die Klimaanlage auf vollen Touren läuft und viele Geräte gleichzeitig arbeiten, kommt die Solaranlage nicht mehr hinterher.
Die Arbeitsplatte ist aus Kunststein, auch das war ein Wunsch des Kunden. Kunststein ist sehr robust und kaum leichter als der echte Granit im ATventure 960. Ein Schreiner aus einem Nachbarort hat alle Möbel von Hand gebaut, nur die Platten schneidet eine CNC-Maschine zu. Nach den fertigen Zeichnungen dauerte es acht bis zwölf Wochen, bis die ersten Möbel fertig waren. Gegenüber der Küche hängen über einer Ablage Schränke mit Glastüren und kleinen Riegeln. In einem der Hängeschränke ist die Technik untergebracht: das Display für Hubstützen und Slide-out, die Steuerung der Heizung und ein Bedienfeld von Victron. Dort sieht man den Ladestand der Batterien, die Leistung der Solaranlage und die Füllstände der Tanks und kann den Landstrom zwischen 6 und 16 Ampere begrenzen.
Die Sitzgruppe liegt im Heck eine Stufe höher als der übrige Boden, weil darunter die Garage liegt. Der Kunde wollte gelegentlich zwei Mitfahrer mitnehmen können, deshalb gibt es in der Sitzgruppe zwei zusätzliche Plätze mit Gurt. Der Tisch lässt sich in alle Richtungen verschieben und mit einem Einlegeteil vergrößern. Dazu kommt ein selbst gebauter Hocker mit ausklappbarer Fußstütze. Ringsum hängen Schränke für Kleidung und Vorräte. Im Heck gibt es zwei Wärmequellen: Die Scheer heizt über den Fußboden und die Konvektoren und zusätzlich kann das Klimagerät elektrisch heizen.
Vom Fahrerhaus geht man direkt ins Bad, das zugleich der Durchgang zum Wohnbereich ist. Auf der Fahrerseite liegt die Dusche, auf der Beifahrerseite liegen Toilette und Waschtisch unter einem Fenster. Beim Wohnen nutzt man das Fahrerhaus nicht und während der Fahrt heizt der Iveco es selbst. Deshalb gehört das Fahrerhaus nicht zum Heizkonzept des Aufbaus. Schiebetüren trennen es vom Bad ab, so dass keine Wärme aus dem Aufbau ins Fahrerhaus entweicht.
Damit vorn im Bad ein tiefer Kleiderschrank für Jacken und Mäntel Platz findet, hat der Kunde die Dusche von 80 mal 130 auf 80 mal 80 Zentimeter verkleinern lassen. Dazu gibt es Schubladen für Toilettenpapier und Hygieneartikel. Daniel ist über 1,90 Meter groß und kann sich in der Dusche sogar bequem abtrocknen. Serienmäßig ist die Rückwand der Dusche beleuchtet und zeigt ein Motiv, das der Kunde aussuchen kann. In diesem Fahrzeug ist es ein Wasserfall im Regenwald. Weil die Hubstützen das Fahrzeug im Stand waagerecht stellen, reicht ein einziger Abfluss in der Duschwanne.
Statt der Zerhackertoilette mit Fäkaltank aus der Serie ist eine Clesana eingebaut, die die Hinterlassenschaften in einen Folienbeutel einschweißt. Das Fahrzeug braucht deshalb keinen Schwarzwassertank, was Gewicht spart. An Bord sind 420 Liter Frischwasser und ein Grauwassertank mit 380 Litern, für zwei Personen nach Daniels Einschätzung eine sehr bequeme Menge. Waschtisch und Armaturen sind Markenprodukte, wie man sie aus dem Bad zu Hause kennt. Über der Toilette hängt der Handtuchwärmer.
Zum Wohnbereich hin macht eine Tür aus dem Durchgang ein abgeschlossenes Bad. Weil sich der Aufbau unterwegs leicht verwindet und der Türrahmen mitarbeitet, lässt sich die Badtür in beide Richtungen abschließen. So bleibt sie während der Fahrt sicher zu und klappert nicht. Den Partner wegsperren soll man damit nicht, wie Daniel schmunzelnd betont. Der Türrahmen ist aus Vollholz, die Tür selbst ein Leichtbau mit Echtholzfurnier.
Über dem Fahrerhaus liegt der Alkoven mit einer Liegefläche von 2,10 mal 2,20 Metern, also größer als ein Kingsize-Bett. Schiebetüren trennen den Schlafbereich vom übrigen Aufbau ab. Wände und Decke im Alkoven sind auf Wunsch des Kunden mit einem Mikrofaserstoff in Grau und Anthrazit bespannt. Ein Schaumrücken macht das Material weich und es fühlt sich an wie Velours.
Der ATventure 870 mit dem Grundriss B kostet in der Basis 329.500 Euro. Mit allen Extras dieses Fahrzeugs, vom Slide-out über die zusätzliche Batterie bis zum großen Wechselrichter, liegt der Preis bei rund 380.000 Euro. Die Sonderwünsche machen also rund 50.000 Euro aus.
So viel Ausstattung bringt Gewicht mit. Am Morgen des Drehs stand der 870 vollgetankt auf der Waage, mit vollem Wassertank und 170 Litern Diesel. Die Waage zeigte 7,2 Tonnen. Daniel rechnet für die Praxis mit Tanks, die nur zu 20 Prozent gefüllt sind, weil kaum jemand mit 400 Litern Wasser in den Urlaub fährt. Diese Rechnung spart rund 470 Kilogramm und das Fahrzeug wiegt dann etwa 6.730 Kilogramm. Das zulässige Gesamtgewicht ist von 7,2 Tonnen in der Serie auf 7,5 Tonnen erhöht. So bleiben rund 750 Kilogramm Zuladung, von denen auch der Roller abgeht. Mit vollen Tanks sind es rund 300 Kilogramm.
Mit 8,70 Metern Länge braucht der 870 auf Campingplätzen meist einen XL-Stellplatz, den man rechtzeitig buchen sollte. Daniel fährt jedes Jahr auf denselben Campingplatz an der Adria, nach eigener Aussage jedes Jahr mit einem anderen und komischerweise immer größeren Wohnmobil. Dort hatte er noch nie Probleme.
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