Dieses Fahrzeug haben wir in Zusammenarbeit mit ATventure vorgestellt.
Der ATventure 960 ist ein Wohnmobil der Superlative. Das merkt man an der Küche, die per Slideout 60 Zentimeter breiter wird, und an einem Bad mit großer Dusche direkt hinter dem Fahrerhaus. Auch der Preis passt dazu: Das Vorführfahrzeug auf Mercedes Atego kostet 453.000 Euro, voll ausgestattet sind es bis zu rund 550.000 Euro. Im Frühjahr 2025 hat uns Daniel Tigges das Fahrzeug bei ATventure in Schmallenberg vorgestellt.
Auf der Messe Touristik & Caravaning in Leipzig fiel uns auf, dass viele Besucher mit demselben Satz aus diesem Fahrzeug kamen: Was für ein Grundriss. Das war für uns Grund genug, ATventure im Sauerland zu besuchen, wo die Wohnmobile entstehen. Hinter der Marke steht eine Familie, die eigentlich aus einer ganz anderen Branche kommt. Andreas Tigges ist mit seinem Unternehmen AT-Boretec seit über 20 Jahren in der Horizontalbohrtechnik tätig. Mit seinem eigenen Wohnmobil war er nicht zufrieden und kam deshalb zu dem Schluss, dass sich so etwas auch selbst bauen lässt. Die Grundidee stammt von ihm, während die Familie über das Design gemeinsam entschieden hat. Daniel Tigges hat den ATventure 960 selbst mit aufgebaut und fährt ihn auch.
Wichtig für die Einordnung: Das gezeigte Fahrzeug ist ein Prototyp, genauer das zweite Fahrzeug, das ATventure gebaut hat. An ihm probiert das Team neue Ideen aus. So wurden die ursprünglichen Wasserpumpen inzwischen gegen ein Hauswasserwerk von DAB getauscht und auch der Slideout kam erst nachträglich hinzu. Möbel, Bad und Küche bestehen in diesem Fahrzeug aus Standardteilen, während bei Kundenfahrzeugen ein befreundeter Schreiner die Möbel nach Maß fertigt.
In der Halle konnten wir verfolgen, wie aus einem Fahrgestell ein ATventure wird. Fast alles entsteht im eigenen Haus und ATventure kantet, fräst und schneidet selbst, zum Beispiel mit einer Plasmaanlage. Zugekauft werden die Wandplatten aus glasfaserverstärktem Kunststoff mit Schaumkern, die 45 Millimeter stark sind. Aluminium wäre als Außenhaut ebenfalls möglich. ATventure rät allerdings davon ab, weil Hagel darin Dellen hinterlässt, die sich nur schwer ausbessern lassen. Innen verbinden Winkel aus eloxiertem Aluminium die Wände. Die Winkel werden vollflächig verklebt und von innen vernietet. Durch die Außenhaut geht dagegen keine einzige Bohrung, denn außen wird nur grundiert und geklebt. An den Kanten und am Übergang zum Fahrerhaus sorgen Dichtmasse, Butylband und Abdeckprofile für eine doppelte bis dreifache Abdichtung.
Über dem Fahrerhaus liegt das Alkovenbett mit 220 mal 220 Zentimetern und direkt dahinter folgt das Bad. In der Mitte sitzt die Küche, deren Zeile mit dem Slideout ausfährt, und ganz hinten wartet eine große Sitzgruppe mit Apartmentcharakter. Die Sitzgruppe lässt sich zu einem zweiten Bett mit 210 mal 200 Zentimetern umbauen. Die Stehhöhe beträgt 2,15 Meter.
Ursprünglich war das Fahrzeug für zwei Personen gedacht. Weil Daniel damit aber mit seiner Frau und den Kindern in den Jahresurlaub nach Italien fahren wollte, hat ATventure noch während des Baus umgeplant und im Fahrerhaus hinter den beiden Vordersitzen zusätzliche Sitzplätze mit Gurt eingebaut: zwei auf der linken und einen auf der rechten Seite. So reisen inzwischen bis zu fünf Personen im ATventure 960.
Wie viel Platz die Sitzgruppe im Heck bietet, hat dieser Urlaub ebenfalls gezeigt, denn dort saßen zeitweise sieben Personen zusammen. Zu fünft ist das nach Daniels Erfahrung gar kein Problem und erst zu siebt wird es etwas eng. Unter der Sitzgruppe liegt die Heckgarage, die eine gewisse Höhe braucht, damit dort auch ein Motorrad oder ein Quad hineinpasst. Deshalb sitzt man auf der Bank recht hoch und kleinere Menschen hätten beim Sitzen die Füße in der Luft. Für sie hat ATventure nachträglich eine Stufe vor die Sitzbank gebaut.
Die Aufteilung des ATventure 960 heißt bei ATventure Grundriss B. Grundriss A mit geteiltem Heck kennen wir schon vom kleineren ATventure 870 und Grundriss C ist das große Fahrzeug mit Dachterrasse. Alle drei lassen sich mit den verschiedenen Fahrgestellen kombinieren. In der Halle stand zum Beispiel gerade ein Iveco Daily mit 7,5 Tonnen kurz vor der Auslieferung, der den Grundriss B des ATventure 960 bekommen hat.
Damit über dem Fahrerhaus überhaupt genug Platz für einen bequemen Alkoven bleibt, hat ATventure die Kabine des Atego verändert. Normalerweise ruht sie auf Luftbälgen, die sie vom Fahrgestell entkoppeln und das Fahren komfortabler machen. ATventure hat diese Bälge ausgebaut, die Kabine fest montiert und sie dabei fünf Zentimeter tiefer gesetzt. Unebenheiten spürt man dadurch etwas mehr, was der luftgefederte Fahrersitz nach Daniels Erfahrung aber gut ausgleicht. Anders als bei einem Lkw üblich lässt sich die Kabine auch nicht mehr nach vorn kippen, um an den Motor zu kommen. Weil sie tiefer sitzt, ist der Abstand zum Motor kleiner geworden und einzelne Teile des Motors hätten in den Innenraum geragt. Deshalb musste ATventure den Motortunnel aufschneiden. Gewartet wird nun von innen über einen zweigeteilten Deckel im Boden, was die Arbeit in der Werkstatt laut Daniel etwas komplizierter, aber nicht erheblich teurer macht.
Das Alkovenbett lässt sich per Knopfdruck elektrisch nach oben klappen, damit die Mitfahrer auf den hinteren Plätzen im Fahrerhaus während der Fahrt genug Kopffreiheit haben. Ohne Matratze bleiben im Alkoven 95 Zentimeter bis zur Decke und das reicht, um aufrecht im Bett zu sitzen. Beheizt wird der Schlafplatz über Heizkörper, deren Leitungen hinter der Verkleidung verlaufen, und über Strömungsbleche am Kopfende, an denen die warme Luft zirkuliert. Mit Schiebetüren lassen sich Fahrerhaus und Alkoven vom Wohnraum abtrennen, damit die einen schlafen können, während die anderen hinten noch zusammensitzen.
Ein Bad direkt hinter dem Fahrerhaus haben wir so bisher bei keinem anderen Wohnmobil gesehen. Auf der Fahrerseite liegt die Dusche mit 90 mal 130 Zentimetern, also in einer Größe, wie man sie von zu Hause kennt. Eine große Dusche war von Anfang an ein Wunsch von Andreas Tigges. ATventure baut sie deshalb in alle Fahrzeuge ein und so ist sie zu einer Art Markenzeichen des Unternehmens geworden. Selbst Daniel mit 1,92 Metern hat darin genug Platz für Kopf und Arme. Gegenüber auf der Beifahrerseite liegen das Waschbecken und direkt daneben die Toilette in einem eigenen kleinen Raum mit Tür.

Weil das Bad zwischen Fahrerhaus und Küche liegt, geht man auf dem Weg nach vorn hindurch. Die Tür der Toilette lässt sich aber auch so schließen, dass sie Dusche, Waschbecken und Toilette gemeinsam zum Wohnraum hin abtrennt. So wird aus den einzelnen Bereichen bei Bedarf ein Raumbad, in dem man ungestört von der Dusche zur Toilette wechseln kann. Eingebaut ist eine Keramiktoilette mit Zerhacker von Tecma, die das Abwasser in den Schwarzwassertank pumpt. ATventure hat sie gewählt, weil es eine Keramiktoilette wie zu Hause ist, baut auf Wunsch aber auch andere Systeme ein, etwa eine Verbrennungs- oder Beuteltoilette. Das Wasser aus Dusche und Waschbecken läuft dagegen ohne Pumpe in die Tanks. Dafür hat ATventure die Höhe der Tanks und die Lage der Einfüllstutzen so gewählt, dass das Wasser auf dem ganzen Weg Gefälle hat. Den Boden wärmt eine Fußbodenheizung, die bis vor die Dusche und die Toilette reicht.
Der Slideout ist an der Seitenwand 2,50 Meter breit und fährt 60 Zentimeter nach außen. Er trägt eine der beiden Küchenzeilen, die sonst Raum im Aufbau wegnehmen würde, während gegenüber die zweite Zeile mit weiterer Arbeitsfläche liegt. Die Mechanik stammt von der Firma HPC und arbeitet mit Schubketten, die hydraulisch angetrieben werden und an die Hubstützenanlage gekoppelt sind. Der Slideout selbst steht auf Rollen und fährt auf dem Boden hin und her. Abgedichtet wird er mit einer umlaufenden Gummidichtung, die sich beim Ein- und Ausfahren per Vakuum zusammenzieht und sich in der Endposition wieder aufpumpt. Trifft der Slideout beim Ausfahren auf ein Hindernis wie einen Baum, öffnet ein Sicherheitsventil und er stoppt.
Auf die Frage, ob ein Slideout besondere Pflege braucht, antwortet Daniel mit Ja. Im Winter kann die Gummidichtung festfrieren und deshalb ist eine Heizspirale eingebaut, die man vor dem Ein- oder Ausfahren einschaltet. Außerdem kann sich nach längerer Standzeit Schmutz auf dem Dach des Slideouts ablagern, den man vor dem Einfahren mit einem langen Besen abkehren sollte. Nutzbar bleibt die Küche aber auch mit eingefahrenem Slideout, weil zwischen den Zeilen noch ein Durchgang von etwa 60 bis 70 Zentimetern frei bleibt. Für einen schnellen Kaffee auf dem Parkplatz muss also niemand etwas ausfahren.
Bei der Küche selbst wollte die Familie keine Abstriche gegenüber dem eigenen Zuhause machen. Deshalb sind hier Küchenmöbel, Kühlschrank und Backofen mit Mikrowellen- und Grillfunktion aus dem Haushaltsbereich eingebaut. Das Induktionskochfeld hat eine integrierte Dunstabzugshaube, die nach unten absaugt. Dazu kommen eine große Edelstahlspüle mit Armaturen von Villeroy & Boch, eine Spülmaschine und Arbeitsplatten aus echtem Granit. Die Arbeitsplatten sind auf der einen Seite 90 und auf der anderen 80 Zentimeter tief. Geschirr und Vorräte finden in einem Apothekerschrank und in Vitrinenschränken Platz. Im normalen Alltag lassen sich mit dem Wechselrichter von 5 Kilowatt Kochfeld, Licht und Klimaanlage gleichzeitig betreiben.
Als Basis dient ein Mercedes Atego 1530 mit Reihensechszylinder, 220 kW und 299 PS. Das Fahrzeug ist 9,60 Meter lang, 2,50 Meter breit und 3,65 Meter hoch. Bei einem zulässigen Gesamtgewicht von 16 Tonnen bleiben 5.000 Kilogramm Zuladung und in dieser Gewichtsklasse muss man nach Daniels Worten nicht um jedes Kilo kämpfen. Deshalb hat ATventure hochwertige Glasfenster von Hünerkopf eingebaut, die zwar schwerer sind als übliche Wohnmobilfenster, nach Daniels Angabe aber besser vor Einbruch schützen und besser isolieren. An der Außenhaut hat ATventure die Kunststoffteile des Fahrerhauses lackiert und die Radläufe mit eigenen Formteilen verkleinert, damit die 19,5-Zoll-Räder in den großen Radkästen nicht verloren wirken.
Für lange Zeit ohne Stromanschluss sorgen drei Lithiumbatterien von Victron mit zusammen 600 Ah bei 24 Volt. Weil Lithiumbatterien dieser Bauart genau genommen mit 25,6 Volt arbeiten, speichern sie zusammen knapp über 15 Kilowattstunden. Nachgeladen werden sie von acht Solarmodulen mit zusammen 1.320 Watt-Peak und auf dem Dach wäre nach Daniels Einschätzung sogar Platz für 12 bis 14 Module. Die Tanks fassen 820 Liter Frischwasser, 520 Liter Grauwasser und 570 Liter Schwarzwasser. ATventure baut sie selbst aus Kunststoff, prüft jeden Tank mit Wasser und mit Druckluft auf Dichtigkeit und setzt Wartungsdeckel ein, durch die man sie mit dem Hochdruckreiniger spülen kann. Für die Serienausstattung nennt ATventure kleinere Tanks mit 600, 380 und 380 Litern und eine etwas größere Solaranlage mit 1.400 Watt-Peak.
Geheizt wird mit einer wasserführenden Heizung der Firma Scheer, die unter dem Boden sitzt. Ihre Heizschleifen ziehen sich als Fußbodenheizung durch den ganzen Wohnbereich mit Sitzgruppe, Küche und Bad und wärmen auch die Stufe vor der Sitzbank im Heck. Dazu kommt eine Klimaanlage mit zwei Innengeräten, die auch heizen können. Tanks, Leitungen, Batterien und Heizung liegen in einer Installationsebene unter dem Boden, die nach unten mit 45 Millimetern isoliert ist und sie so vor Kälte schützt.
Die hydraulischen Hubstützen stammen ebenfalls von HPC und richten das Fahrzeug per App oder Bedienfeld auf Knopfdruck automatisch aus. An der Hinterachse sitzt eine Luftfederung, die das Heck um rund zehn Zentimeter anhebt, damit der lange Überhang beim Rangieren oder an steilen Auffahrten nicht aufsetzt. Ein Geländefahrzeug ist der ATventure 960 aber ausdrücklich nicht. Die Heckgarage unter der Sitzgruppe liegt auf einem abgesenkten Rahmen und nimmt Fahrräder, einen Roller, ein Motorrad oder ein Quad auf. Für ein kleines Auto reicht ihre Tiefe allerdings nicht. Draußen gibt es außerdem eine Schublade mit einer Kühlbox von Dometic, damit unter der Markise ein kaltes Getränk griffbereit ist.
Die Planung eines komplett neuen Fahrzeugs dauert rund drei Monate, während die Anpassung eines bestehenden Grundrisses ein bis eineinhalb Monate braucht. Das Planungsprogramm rechnet dabei mit dem Gewicht jedes Materials und während des Baus kontrolliert ATventure das tatsächliche Gewicht über ein Wiegemodul der Hubstützenanlage.
Das gezeigte Vorführfahrzeug kostet 453.000 Euro, mit Klimaanlage, Heizung und der gesamten gezeigten Ausstattung. Wer sein Fahrzeug komplett ausstatten und den Innenausbau vom Schreiner fertigen lässt, landet bei bis zu rund 550.000 Euro. Einen festen Einstiegspreis nennt ATventure auf der Website nicht.
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